„Wir befördern nachhaltige Projekte, indem wir zeigen: Das ist alles wissenschaftlich erwiesen. Das ist notwendig. Und das geht.“

Dr. Wiebke Zimmer und Michael Sailer im Interview.

Ein Gespräch mit Michael Sailer und Dr. Wiebke Zimmer

Der Blick in die Zukunft gehört seit 40 Jahren zum Öko-Institut – sei es bei der Frage nach einer nachhaltigen Energieversorgung oder eines sicheren Atommüll-Endlagers. Doch wie arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konkret für eine nachhaltige Zukunft? Welche Herausforderungen müssen sie überwinden? Darüber haben wir mit Michael Sailer, Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts, und Dr. Wiebke Zimmer, stellvertretende Leiterin des Bereichs Ressourcen & Mobilität gesprochen.

Michael Sailer, wie sicher sind Sie sich, wenn Sie Prognosen aufstellen?

Michael Sailer: Das kommt darauf an, ob wir über die Grundlinien oder Details sprechen. Bei den Grundlinien bin ich mir sehr oft sicher, weil wir da viel Erfahrung haben. Aber wie es sich dann im Detail entwickelt wird, das weiß ich auch nicht. Am Beispiel Fukushima: Es war völlig klar, dass irgendwann wieder ein Unglück in einem Kernreaktor passieren wird und dass es in einem Industrieland passieren wird, weil dort die meisten stehen.

Wie geht man mit so einer Unglückssituation am besten um?

Sailer: Wir stellen uns nicht gerne hin und sagen: Wir haben es doch gewusst. Außerdem muss man auf die eigene Glaubwürdigkeit aufpassen. Mir war schnell klar, dass die Aufräumarbeiten Jahrzehnte dauern würden. Aber hätte ich das eine Woche nach dem Unglück gesagt, hätte mir keiner geglaubt. Manchmal denke ich aber auch, dass wir Fakten oder Ergebnisse nicht ausreichend hervorheben, so dass sie bei Politikern und Öffentlichkeit auch wirklich ankommen.

Zum Beispiel?

Sailer: Wir hätten viel früher darüber sprechen müssen, welche großen wirtschaftlichen Herausforderungen die Hinwendung zu Erneuerbaren Energien mit sich bringt. Beim Thema Emissionshandel hätten wir deutlicher sagen müssen, dass CO2-Zertifikate nur dann sinnvoll sind, wenn sie teuer sind.

Dr. Wiebke Zimmer

Wiebke Zimmer, wie ist es in Ihrem Fachgebiet, dem Verkehrssektor? Haben Sie auch das Gefühl, dass Sie nicht genug auf Dinge hinweisen?

Wiebke Zimmer: Eigentlich nicht. So weisen wir zum Beispiel schon sehr lange darauf hin, dass hier einfach nicht genug passiert. Wir zeigen immer wieder, dass wir so ziemlich alle Nachhaltigkeitsziele verfehlen werden, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Wenn Sie sehr ambitionierte Szenarien entwickeln – für wie realistisch halten Sie deren Eintreten?

Zimmer: Ich denke schon, dass es realistisch ist, dass der Verkehr nachhaltiger wird. Doch dafür muss sich das Mobilitätsverhalten grundsätzlich ändern und ob die Menschen ihre Einstellung zum Auto ändern werden, lässt sich leider nur schwer vorhersehen. Wir müssen wegkommen vom autozentrierten System. Die Politik scheut sich aber, strenge Vorgaben für Pkw zu machen oder die Pkw-Nutzung zu verteuern, weil sie um Wählerstimmen fürchtet. In der Industrie bewegt sich inzwischen etwas, weil andere Länder vorangehen, aber der notwendige umfassende Strukturwandel stößt immer noch auf Widerstand.

Wie lässt sich dann etwas verändern?

Zimmer: Mir machen vor allem Dinge auf lokaler Ebene Mut, die aus der Zivilgesellschaft kommen – so etwa der Volksentscheid Fahrrad, der in Berlin in Sachen Radverkehr wirklich was auf die Beine gestellt hat und der Politik zeigt, dass man nicht alle Wähler verlieren muss, wenn man die Privilegierung des Pkw reduziert.

Sailer: Auch die Energiewende war schlussendlich nur so gut möglich, weil es entsprechende Bewegungen schon für Jahrzehnte in der Bevölkerung gab.

Zimmer: Wir fragen uns im Bereich oft, wo man konkret ansetzen kann. Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt: Man muss am großen Rad drehen. Inzwischen denke ich: Wenn man eine sichtbare Akzeptanz in der Bevölkerung will, muss man die Vision einer lebenswerten Stadt erlebbar machen. Muss den Menschen zeigen, dass es wirklich ein Mehr an Lebensqualität bedeutet, wenn weniger Autos unterwegs oder geparkt sind und es dadurch mehr Raum für andere Dinge gibt. Dann traut sich die Politik vielleicht auch, Veränderungen herbeizuführen.

Was kann das Öko-Institut tun, damit diese Vision Realität wird?

Zimmer: Das Spannende ist doch: Da, wo wirklich etwas passiert, wo es heute schon tolle Vorzeigeprojekte gibt, sitzt immer jemand in der Verwaltung, der aus eigenem Antrieb versucht, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. So zum Beispiel in Bremen, wo dadurch das Thema Carsharing einen enormen Schub bekommen hat.

Sailer: Unsere Rolle ist es, genau solche Bewegungen zu stabilisieren. Wir sind uns dessen bestimmt oft gar nicht so bewusst, aber wir helfen diesen Menschen dadurch, dass sie sagen können: Das ist alles wissenschaftlich erwiesen. Das ist notwendig. Und das geht.

Zimmer: Wichtig ist auch, dass wir in viele Bereiche gute Kontakte haben, in die Industrie und die Politik, aber auch in Verbände, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Dadurch übernehmen wir zusätzlich zu unserer wissenschaftlichen Kompetenz eine Vernetzungsrolle.

Sailer: Ja, wir bringen Menschen aus der unterschiedlichen Ecken zusammen, zum Beispiel bei der Jahrestagung zum Thema Ressourcen. Diese Plattformrolle ist sehr zentral für uns. In dem Sinne, dass sich Menschen bei uns miteinander unterhalten können. Und das bekommen wir schon seit 30, 35 Jahren sehr gut hin.

Michael Sailer

Wie lange hat es nach der Gründung des Instituts gedauert, bis Sie als Ansprechpartner ernst genommen wurden?

Sailer: Bei zwei Themen ging das sehr schnell – Energie- und Atompolitik. Inzwischen kommt man bei vielen Themen nicht mehr an uns vorbei.

Zimmer: Das kommt aber nicht von allein. Das war schon ein hartes Stück Arbeit, durch die Qualität unserer Arbeit zum Beispiel auch das Vertrauen der Industrie zu erlangen.

Sie setzen ja auch selbst Themen – siehe zum Beispiel bei der Jahrestagung zur Rohstoffwende – wie schwer ist es, damit wahrgenommen zu werden?

Sailer: Das kann man vorher nie sagen. Es hängt auch viel von unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ab. Wir haben zum Glück viele, die ein Händchen dafür haben, Themen nach vorne zu bringen. Aber natürlich funktioniert es nicht immer gleich. Manchmal kann man über die Gesetzgebung etwas erreichen, manchmal muss es über die Strategieentwicklung zum Beispiel für eine NGO laufen – da muss man auch viel ausprobieren.

Gibt es auch Themen, die zwar nicht durch einen Auftrag ans Institut kommen oder sich nicht in der Bereichsstruktur wiederfinden, aber Ihrer Ansicht nach dennoch zu wichtig sind, um sie nicht zu bearbeiten?

Sailer: Es gibt eine Ebene davor. Man braucht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ein Thema wirklich machen wollen, die drin sind und sich einsetzen. Die dann nach Finanzierungsmöglichkeiten suchen, in Netzwerken aktiv sind. Alles, was aufgesetzt ist, geht schief.

Christane Weihe im Interview mit Dr. Wiebke Zimmer und Michael Sailer.

Wie kann man die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Lage versetzen, diese Aufgaben umzusetzen?

Zimmer: Das lernt man mit der Zeit, stufenweise. Wenn wir zum Beispiel ein Teammitglied haben, das sich mit Carsharing befasst, schicken wir es erst intern vor, dann beim Auftraggeber und schließlich komplett. Das ist ja unsere Strategie: Alle, die länger als zwei Jahre da sind, gehen mit ihren Themen auch selbst raus, wenn sie das möchten. Dieses frühe Rausgehen motiviert die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch extrem, das gibt es bei den eher hierarchisch organisierten Institutionen nicht unbedingt.

Sie haben sich dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. Wie gelingt es, das immer wieder in den Vordergrund zu rücken?

Zimmer: Ich denke, wir müssen immer wieder zeigen, welche Ziele mit Nachhaltigkeit verbunden sind – weniger Emissionen, weniger Lärm, weniger Ressourcenverbrauch zum Beispiel – und dann die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Das heißt auch: Die noch immer bestehende Lücke zwischen dem, was die Menschen wichtig finden – zum Beispiel den Klimaschutz – und dem, was sie dann auch bereit sind, dafür zu tun, zu schließen. Zum Glück ist in vielen Sektoren in punkto Klimaschutz schon sehr viel passiert. Davon brauchen wir mehr, getragen von ökonomischen Anreizen und auch Verboten.

Sailer: Verbote gelingen allerdings nur in einem Klima, in dem sie auch politisch durchsetzbar sind. Zu diesem Klima hat das Öko-Institut oft beigetragen. Man darf sich niemals dem Pessimismus hingeben zu sagen: Die Welt ist schrecklich und war schon immer schrecklich und ich kann nichts dagegen tun.

Wie schafft man es, diesem Pessimismus zu begegnen?

Sailer: Man muss ihn sich bewusst machen, darüber diskutieren. Aber vor allem auch die positiven Dinge hervorheben. Unsere 40-Jahres-Feier ist ein gutes Beispiel dafür. Wir blicken im Jubiläumsjahr zurück auf das Erreichte und sehen: Wir sind ein toller Laden. Ich glaube, das macht sehr viel aus, auch für die Jüngeren, in einem Institut zu sein, das schon so viel im Sinne der Umwelt bewegt hat.

Michael Sailer ist Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts, Dr. Wiebke Zimmer die stellvertretende Leiterin des Bereichs Ressourcen & Mobilität.

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