„Komplexe Themen den jungen Leuten vermitteln“

Julia Neles

Wir arbeiten am Öko-Institut überwiegend wissenschaftlich, d.h. unsere Arbeit richtet sich meistens an andere Experten. Das ist wichtig und richtig. Im ersten Schritt muss man ein Thema verstehen und mit anderen diskutieren. Ich denke aber auch, dass bei vielen Themen ein nächster Schritt wünschenswert ist: nämlich sich zu überlegen, wie vermittle ich jetzt unsere Erkenntnisse den Nicht-Experten. Besonders spannend finde ich es, die Ergebnisse unserer Arbeit auch jungen Menschen nahe zu bringen.

Ein Beispiel, wo wir uns das vorgenommen hatten, war das Projekt „Endlager macht Schule“. Um Jugendliche zu verschiedenen Aspekten der Endlagerung zu informieren und an Prozesse der Bürgerbeteiligung bei der Endlagerstandortsuche heranzuführen, hat das Öko-Institut zusammen mit dem Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU e.V.) und mit Unterstützung der Stiftung Zukunftserbe 2014 umfangreiches Lehrmaterial zum Thema erstellt. Wir haben es „Standortsuche atomares Endlager – Es gibt keine einfachen Lösungen, aber wir müssen sie finden“ genannt. Dahinter stand der Gedanke, dass es gerade bei der Frage der Endlagerung, mit deren Folgen wir quasi noch ewig leben müssen, besonders wichtig ist, die jungen Menschen anzusprechen und das auch zu ihrer Sache zu machen.

Dabei ist es gar nicht so einfach, die jungen Menschen zu erreichen. Die Jugendlichen sind heute in ihrer Informationsbeschaffung zumindest in ihrer Freizeit auf kurze Infohappen getrimmt: Twitter, Instagram… Kurz und knackig muss es sein. „Wer liest denn schon 30 Seiten?“, wurde ich mal von einem Oberstufenschüler gefragt. Vor diesem Hintergrund müssen wir auch noch mal ganz anders an die Frage herangehen, wie man Informationen aufbereitet, als wir das als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sonst tun. Je komplexer das Thema, desto größer ist diese Aufgabe. Bei „Endlager macht Schule“ haben wir in der Schule angedockt und Unterrichtsmaterialien entwickelt, mit deren Hilfe sich die Schülerinnen und Schüler mit der Thematik auseinandersetzen können. Das waren zwar mehr als 140 Zeichen, aber es ist ja auch ein komplexes Thema.

Seit ein paar Jahren bin ich regelmäßig als Tutorin für Jugendliche bei Tagungen der Evangelischen Akademie Loccum zum Thema Endlagerung. Für mich immer eine schöne Gelegenheit, noch mal ganz direkt zu erleben, wie man junge Menschen erreicht. In aller Regel ist es ja so, dass Kernenergie oder Endlagerung – genauso wie viele andere Themen des Öko-Instituts – nicht die Fragen sind, die die Jugend beschäftigen. Begegnungen sind da vielmehr zufällig und meist das Ergebnis engagierter Lehrerinnen bzw. Lehrer. Meine Erfahrung ist, dass die Jugendlichen, genauso wie Erwachsene, ernst genommen werden wollen. Sie wollen verstehen und nicht, dass über ihre Köpfe hinweg geredet wird. Darauf muss man auch eingehen, Begriffe und Formate finden, die Inhalte verständlich machen. Das ist ein Thema, das uns als Öko-Institut gut stehen würde.

Bisher ist das verständlicherweise sehr abhängig von der Aufgabenstellung und von dem, was unsere Auftraggeber bezahlen. Alles, was darüber hinausgeht, ist dann eher ein Hobby – und leider kostet es viel Zeit, so etwas aufzubereiten. Deshalb sind Schulmaterialien bisher auch die absolute Ausnahme.

Mein Wunsch wäre es, dass schon die Auftraggeber mitdenken, wie man die Themen auch Nicht-Experten und insbesondere jungen Menschen vermitteln kann. Ich würde das jedenfalls gerne mehr machen, für mich gehört es dazu. Gerade Endlagerung macht vielen Leuten Angst, und gerade deshalb sollten sie sich damit auseinandersetzen und sich an den Diskussionen beteiligen. Im Standortauswahlprozess für die Endlagerung ist immerhin schon verankert, dass zu dem Nationalen Begleitgremium auch junge Leute gehören. Auch vor diesem Hintergrund aktualisierten wir gerade erst in diesem Jahr die Unterrichtsmaterialien des Projektes „Endlager macht Schule“. 
Wenn es nach mir ginge, dürfte da aber noch viel mehr passieren.

Julia Mareike Neles arbeitet seit 1999 am Darmstädter Standort des Öko-Instituts im Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit.

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