Die 1990er Jahre: Unternehmenskooperationen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Das Anmieten eines Büros im Berliner „Haus der Demokratie“ bildet den Grundstein für den dritten Standort des Öko-Instituts.

Das Öko-Institut erweitert seine Beratungen in ökologischen Fragen für verschiedene Landesregierungen, Bundesministerien sowie die Europäische Union und lässt die alleinige Rolle des ökologischen Anklägers zunehmend hinter sich. Das Institut führt dabei das bürgerschaftliche Engagement mit kommunalen Entscheidungswegen zusammen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickeln Konzepte zur Umsetzung konkreter lokaler, regionaler und nationaler Projekte unter Berücksichtigung der Umweltperspektive. Dabei ergeben sich sowohl national durch die Wiedervereinigung, wie auch in der internationalen Zusammenarbeit immer größere Perspektiven.

In der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt Berlin gründet das Institut 1991 ein Büro, arbeitet dort mit Fragen zum Energie- und Klimaschutz und nimmt dabei vor allem energiepolitische Fragestellung in den neuen Bundesländern sowie in Osteuropa ins Visier. Die Expertinnen und Experten unterstützen die Bundesregierung bei den internationalen Klimaverhandlungen, die 1997 in Kyoto erstmals in einem international bindenden Vertag zur Treibhausgasminderung münden.

Das Öko-Institut untersucht, wie das Verhalten von Verbrauchern gesellschaftliche Veränderungsprozesse mitgestaltet. Kernaussage der Untersuchung: Verzicht predigen reicht nicht aus, um Änderungen im Konsumverhalten zu erreichen. Vielmehr sind positive Botschaften, die Erkenntnis und das Erleben notwendig, dass Selbstverwirklichung und Bestätigung nicht mit mehr Konsum und umweltschädlichen Lebensweisen verbunden sein müssen.

Mit den Ökobilanzen beginnen die ersten Kooperationen mit Unternehmen. Diese interessieren sich dafür, wie einzelne Produkte oder Produktkonzepte in der Ökobilanz abschneiden. Darüber hinaus entstehen erste Nachhaltigkeitsanalysen, wie etwa die „Produktlinienanalyse Waschen und Waschmittel“ im Jahr 1997. Diese Studie ist richtungsweisend, formuliert sie doch zentrale Empfehlungen, die von den Unternehmen  auch umgesetzt werden: Vollwaschmittel durch Kompaktwaschmittel ersetzen, niedrigere Waschtemperaturen, bessere Befüllung der Trommel und richtige Dosierung. Die Hersteller bauen nun energiesparende Waschmaschinen, die mit niedrigeren Waschtemperaturen genauso gut reinigen.

In einer langen Dialogserie mit dem Chemieunternehmen Novartis geht es um Sicherheit und Perspektiven in der Chemikalienproduktion – ein Thema, bei dem die Basler Chemieindustrie aufgrund des Sandoz-Unfalls bereits sensibilisierter und auch weiter als ihre deutschen Konkurrenten ist.

Im Projekt „Hoechst nachhaltig“ mit der Hoechst AG werden zwischen 1995 und 1997 erstmals zwei Produkte des Unternehmens auf ihre Nachhaltigkeit analysiert und Empfehlungen für das Nachhaltigkeitsmanagement des Unternehmens abgeleitet. Dem Öko-Institut bietet sich dadurch die Möglichkeit, unternehmensinterne Prozesse und Entwicklungen besser zu verstehen und zukünftig als kritisches Institut Unternehmen gut zu beraten und lösungsorientiert auf spezifische Unternehmensprobleme zu schauen. Gleichzeitig können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Produktlinienanalyse weiterentwickeln und mit dem englischen Namen PROSA – Product Sustainability Assessment auch international bekannt zu machen.

Meilensteine der Arbeit des Öko-Instituts in diesem Jahrzehnt

  • Die Studie „Bestandsaufnahme und Perspektiven der Atom- und Energiewirtschaft der DDR“ in Kooperation mit dem Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) markiert 1990 den Start der Stadtwerkebildung in den ostdeutschen Bundesländern.
  • Nachhaltige Mobilität: Mit einem durch Mitgliederspenden finanzierten Forschungsprojekt zum Thema „Verkehr und Ozon“ wird 1991 der Grundstein für den Aufbau eines eigenständigen Bereichs Verkehr gelegt.
  • Rainer Grießhammer wird 1992 Mitglied der „Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundestags (besser bekannt als„Chemie-Enquete-Kommission“).
  • Revision of the European Treaties in the Energy Sector: Nach der 1994 durch Mitglieder­spenden finanzierten Studie „Energiewende Europa“ wird das Öko-Institut nun vom Europäischen Parlament beauftragt. Es soll zeigen, wie die Europäische Energiepolitik umgestaltet werden muss, damit die EU die Klimaschutzziele erreichen kann, die auf der Rio-Konferenz von 1992 verabschiedet wurden.
  • 1994 zeigt das Öko-Institut in der durch Spenden finanzierten Studie „Jenseits vom Grünen Punkt“ ineffektive Strategien des Dualen System Deutschland (DSD) auf und macht stattdessen Vorschläge für „Alternativen zur Verpackungsverordnung und dem DSD“.
  • Seit der ersten UN-Klimakonferenz (COP 1) in Berlin 1995 ist das Öko-Institut kontinuierlich als Berater des Umweltministeriums und der EU-Kommission in verschiedenen Verhandlungsbereichen tätig.
  • Sicherheitsbewertungen zum Kernkraftwerk Greifswald führen 1995 zu dessen endgültiger Stilllegung. Projekte wie das Sanierungskonzept des Wismut Uran-Bergbaus und die Auflösung des oberirdischen nuklearen Endlagers in Rheinsberg begleitet das Öko-Institut fachlich.
  • Ablehnung der Wiederaufarbeitung von deutschem Atommüll im Ausland und Fürsprache zur Zwischenlagerung in Deutschland im Jahr 1996. Unter dem Schlagwort „Castor-Konflikt“ diskutiert, mündet diese Debatte im novellierten Deutschen Atomgesetz (2002), das die Wiederaufbereitung beendet.
  • Start des Mediationsverfahrens zum Frankfurter Flughafen, initiiert von der hessischen Landesregierung. Das Öko-Institut begleitet 1997 den Prozess als wissenschaftlicher und als für alle Beteiligten interessensunabhängiger Partner.
  • Globalisierung in der Speisekammer: Eines der jährlich aus Mitgliederbeiträgen finanzierten strategischen Projekte des Öko-Instituts, das 1999 die globale Nahrungsmittelproduktion auf den Prüfstand stellt.
  • Studie zum Atomtransport-Skandal: Das Öko-Institut widerlegt 1999 ein Gutachten der Strahlenschutzkommission (SSK), in dem behauptet wird, dass von der Kontaminierung von Atommüll-Transportbehältern keine Gesundheitsgefährdung ausgehen würde.
  • Analyse „Politikszenarien für den Klimaschutz: Szenarien und Maßnahmen zur Minderung von CO2-Emissionen in Deutschland bis 2020“ markiert Ende der 1990er Jahre den Beginn der seitdem kontinuierlichen Beratung der Bundesregierung über die langfristige Wirksamkeit von Klimapolitik.
  • Ende der 1990er Jahre stellen die Studien „Raumwärmenutzung in den neuen Ländern“ und „Kraft-Wärme-Kopplung in Brandenburg“ erste Potenzialuntersuchungen zum Thema Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) dar. Sie gehen in die Beratungen des Öko-Instituts für das BMU zum ersten KWK-Gesetz in Deutschland ein.

Zum Überblick über die 1970er Jahre am Öko-Institut.

Zum Überblick über die 1980er Jahre am Öko-Institut.

Weitere Teile der Reihe „40 Jahre Öko-Institut“ – Highlights aus der Institutsgeschichte lesen Sie in Kürze hier im Blog.

Kommentare
  1. Pingback: Die 2010er Jahre: Transdisziplinär, visionär – und nicht minder kritisch – 40 Jahre Öko-Institut e.V.

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